Ausbildung

«Studenten glauben, die Arbeitswelt warte auf sie»

Junge Akademiker, die frisch von der Uni in die Arbeitswelt einsteigen, haben oft falsche Vorstellungen davon, wie schnell sie in ihrem ersten Job Karriere machen können. Das zeigt eine Studie der Hochschule Koblenz in Zusammenarbeit mit dem Stellenportal Jobware, für die Personalverantwortliche in zahlreichen Unternehmen gefragt wurden, welche Schwächen die Millennials beim Vorstellungsgespräch am häufigsten zeigten.


Die Generation Y liebt die Teilzeitarbeit So kommt man zum Traumsalär

Wer wissen will, wie viel Geld man beim ersten Job verlangen könne, soll sich Laut Lohn-Experte Urs Klingler bei Leuten, die in der gleichen Branche in ähnlicher Position arbeiten, informieren. Dabei sei auch die Art des Unternehmens wichtig. «Zwischen einem einem internationalen Grosskonzern oder einem KMU könnten sich die Einstiegsgehälter um bis zu 50 Prozent unterscheiden.»

Klingler rät aber davon ab, beim Einstiegsgehalt gross zu verhandeln. «Oft sind die Gehälter auf dieser Stufe im ganzen Unternehmen vereinheitlicht.» Ein besseres Gehalt solle man erst beim zweiten Job anpeilen. «Nach zwei bis drei Jahren sollte man sich einen neuen Job suchen, um vielfältige Erfahrungen für den weiteren Karriereweg sammeln zu können.» Seine Talente habe man dann bereits in konkreten Situationen unter Beweis stellen können, was für Personaler viel wichtiger sei als ein guter Uni-Abschluss.

Dabei gaben 39 Prozent der Befragten an, die Absolventen hätten unrealistische Karriereerwartungen, für 37 Prozent hatten die Kandidaten unrealistische Gehaltsvorstellungen. Zudem hatten die Bewerber oft zu wenig Kenntnisse über das Unternehmen (38%) oder einen mangelnden Fokus (36%). «Studierende sollten ihre Ansprüche hinterfragen und weniger fordernd im Vorstellungsgespräch auftreten», so das Fazit der Studie.

«Sie glauben, die Welt liege ihnen zu Füssen»

Auch Schweizer Personal-Experten erleben die jungen Absolventen als zu fordernd. Christoph Good, Laufbahncoach in der Praxis zur Lerche, fällt auf, dass vor allem Hochschulabgänger mit einem Jura- oder Wirtschaftsabschluss sehr selbstbewusst auftreten: «Sie haben das Gefühl, die Welt warte auf sie.» Weil sie viel Zeit ins Studium investiert hätten, glaubten sie, die Welt liege ihnen zu Füssen.

Im Gespräch stelle sich aber heraus, dass sie doch nicht so viel wüssten, wie sie vorgäben. Auch stellten sie im Gespräch hohe Gehaltsforderungen. «Dann heisst es: Liegt der Lohn unter meinen Vorstellungen, mache ich gar nichts.»

Das Bewerbungsgespräch ist oft schnell zu Ende

Auch Roland Peier, Geschäftsführer der Beratungsfirma Diebewerbung.ch, kennt solche Fälle zu Genüge: «Bei diesen Leuten ist das Bewerbungsgespräch jeweils sehr schnell zu Ende.» Oft hätten Hochschulabsolventen das Gefühl, dank ihres Diplomes stelle man sie mit Handkuss ein, obwohl Praxiserfahrung fehle. «Die Bewerber realisieren oftmals zu wenig, dass neben dem guten theoretischen Wissen, das nicht minder wichtige Praxiskönnen noch fehlt. Daher haben sie oftmals zu hohe Salärerwartungen.»

Woher kommt das grosse Selbstbewusstsein? «Den jungen Leuten wurde im Gymnasium und auch sonst schon von den Eltern früh eingetrichtert, dass sie die Eliten von morgen seien», vermutet Good. Für Peier ist die Konkurrenz unter den Studenten ausschlaggebend: «Nach dem Studium beginnt der Kampf um den bestbezahlten und prestigeträchtigsten Job, gerade bei Juristen und BWL-Absolventen.»

«Viele haben von Lohnmasstäben keine Ahnung»

Auch Anita Glenck, Laufbahnberaterin beim Institut für Angewandte Psychologie an der ZHAW, erlebt hin und wieder ehrgeizige Hochschulabsolventen. «Manchmal glauben sie, sie hätten mit einem Hochschulabschluss jetzt alles, was für eine Top-Karriere nötig ist.» Daher hielten sie es nicht für nötig, ein Praktikum zu absolvieren. «Dabei vergessen sie oft, dass in der Arbeitswelt neben theoretischen Kenntnissen noch weitere Kompetenzen benötigt werden, die nicht in einem Studium erlernt werden.»

Häufiger erlebe sie aber Studienabsolventen, die bei der Stellensuche eher unsicher aufträten. «Merken sie, dass sie dem Anforderungsprofil nicht gänzlich entsprechen, sind sie schnell entmutigt.» Dies sei etwa der Fall, wenn Arbeitserfahrung gefragt sei und sie über solche noch nicht oder lediglich aus Praktika verfügten. Auch stellten sie kaum Lohnforderungen. «Denn viele haben von den geltenden Lohnmassstäben noch keine Ahnung.»

(20 Minuten)

Kategorien