Ausbildung

Studenten in München brauchen reiche Eltern

Noch hat Eva ein paar Monate Zeit. Im kommenden Jahr wird die junge Mittelfränkin aus Gunzenhausen das Abitur machen. Und danach? „Ich will Lehrerin werden, an der Grundschule.“ Am liebsten möchte die 18-Jährige in München studieren. Aber wo wohnen? Schon heute sind sich Familie und Freunde einig: „Vergiss es, das wird viel zu teuer.“ Doch noch träumt das Mädchen vom Studium in der turbulenten Isar-Metropole.

Ein Traum, den viele träumen. Dabei ist die Wohnsituation für Studierende vor allem in der bayerischen Landeshauptstadt schon heute dramatisch. Nach einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) müssen die angehenden Akademiker in München im Durchschnitt monatlich 615 Euro für eine typische Studentenbude hinblättern. Dafür bekommen sie im Schnitt ein Zimmer mit 30 Quadratmetern und Küche und Bad.
Besonders private Vermieter treiben die Preise

Und nach einer Untersuchung des Moses-Mendelssohn-Instituts sind für ein WG-Zimmer in München pro Monat 560 Euro fällig. Aber es geht auch noch teurer. In München werden manche Neubauten für mehr als 800 Euro Monatsmiete als Studentenunterkünfte angeboten, vor allem private Bauherren sorgen für unbezahlbare Angebote.
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Ob Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU), Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) oder Ursula Wurzer-Faßnacht, Geschäftsführerin des Studentenwerks München – all sie werden nicht müde mit ihren Appellen an die Münchner, günstigen Wohnraum an Studenten zu vermieten: „Noch schwieriger, als einen Studienplatz zu bekommen, ist es für viele, auf dem Münchner Wohnungsmarkt eine bezahlbare Wohnung zu finden. Das spüren vor allem diejenigen, die mit jedem Euro rechnen müssen. Da kann jedes Zimmer helfen, selbst wenn es nur für ein oder zwei Semester ist“, sagt Wurzer-Faßnacht.
11.000 Zimmer - für 90.000 Studenten

Was die Wohnsituation verschärft, ist die Tatsache, dass Studenten in Deutschland, im Gegensatz zu anderen Ländern, mit der Zulassung zum Studium nicht automatisch ein Zimmer in einem Studentenwohnheim zugewiesen bekommen. Das Studentenwerk München etwa bietet in seinen Wohnanlagen in München, Rosenheim und Freising zwar 11.000 Zimmer und Appartements an – die restlichen rund 90.000 Studenten müssen sich jedoch vorwiegend auf dem freien Wohnungsmarkt eine Unterkunft suchen.

Und der ist nicht nur in München ohnehin angespannt. Auch Uwe Scheer vom Studentenwerk Erlangen-Nürnberg spricht von einer „angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt für Studierende“. In Erlangen sind nach seinen Angaben die günstigsten WG-Zimmer nicht unter 300 bis 350 Euro im Monat zu haben, das Angebot sei auch zum Start des diesjährigen Wintersemesters wieder knapp gewesen.
Mietkosten halten ärmere Familien vom Studium ab

Deutlich günstiger sind in bayerischen Uni-Städten in der Regel Plätze in den staatlich geförderten Wohnheimen. Uwe Scheer sagt: „Einzelzimmer sind in unseren Häusern schon ab unter 200 Euro monatlicher Warmmiete zu haben, Einzelappartements ab unter 250 Euro.“ Das Studentenwerk Erlangen-Nürnberg hat seine Kapazitäten in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut, in Erlangen befindet sich gerade eine neue Wohnanlage mit 410 Plätzen am Campus Süd im Bau.

In den allermeisten Fällen haben Eltern, die im Regelfall die Studienkosten für ihren Nachwuchs übernehmen, nicht genug Geld, um die horrenden Mieten zu zahlen. Diese sind nach Erkenntnissen des Deutschen Studentenwerks sogar oft der Grund, warum Kinder ärmerer Familien gar nicht erst studieren. Obwohl bundesweit inzwischen immer mehr junge Menschen an die Universitäten drängen: 2,7 Millionen Studenten, das sind rund 40 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren.
Großstadt-Unis sind attraktiv

Dennoch zieht es noch immer vor allem Studienanfänger in die bekannten Metropolen. Doch Platz und Wohnraum in den Ballungszentren werden knapp. Hennig Gießen, Sprecher des Bildungsministeriums, bestätigt: „Dem weltweiten Trend zur Urbanisierung entsprechend zieht es viele von ihnen zunächst unabhängig vom Angebot der Hochschule in städtische Zentren.“

Dabei spielten zahlreiche Beweggründe eine Rolle – ob persönliche Lebensumstände, günstige Verkehrslage oder kulturelles Angebot. Aber natürlich macht auch die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit einer Hochschule etwas aus – die bayerischen Top-Universitäten wie etwa die beiden Exzellenz-Unis in München, seien nun einmal in urbanen Zentren angesiedelt.

Dabei können Hochschulen in kleineren Städten des Freistaats mit vielen Faktoren punkten. Einem Sprecher des Ministeriums zufolge gehören „Überschaubarkeit, kleinere Gruppengrößen und die größere persönliche Nähe der Dozenten zum Studierenden“ dazu. Und mit günstigen Mieten.

Beispiel Passau: Hier gibt es vier staatliche Wohnanlagen. Die Zimmer sind möbliert, Waschmaschine und Internet-Anschluss inklusive – zu Mietpreisen ab 171 Euro pro Monat. Dazu kommen Wohnanlagen in kirchlicher und privater Trägerschaft, möblierte Appartements sind in Klöstern wie in ehemaligen Fabriken zu finden.
Alternative: Studium in der Provinz

Auch im oberfränkischen Bayreuth verwaltet das Studentenwerk derzeit insgesamt 1145 Wohnplätze, für das Wintersemester 2017/2018 sollen dort 245 weitere Plätze in einem neuen Wohnheim fertig werden. Ganz frei stehen die Wohnheime in Bayreuth allerdings nicht: Interessenten müssen je nach Wohnanlage und Wohnform eine Wartezeit von ein bis zwei Semestern in Kauf nehmen.

Studentenwohnheime sind traditionell sehr beliebt unter den Studenten. Zum einen ist der Wohnraum hier relativ günstig, zum anderen leben die Studenten hier mit vielen Gleichaltrigen zusammen, die noch viel lernen und sich auf den Start ins berufliche Leben einstellen müssen. Das Herz des studentischen Lebens schlägt oftmals innerhalb der Wohnheime, hier entstehen neue Freundschaften oder Beziehungen zwischen den Bewohnern, hier ist immer etwas los.
Studenten helfen im Haushalt und bekommen dafür ein Zimmer

Aber es gibt für Studierende auch das WG-Leben einmal anders, zum Beispiel in Würzburg. An der Uni sind dort rund 30.000 Studenten registriert, allein zum Wintersemester starteten dort jetzt mehr als 4000 neue Jungakademiker ihre Ausbildung. Neben zahlreichen Wohnheimen bietet das Studentenwerk in Würzburg auch Wohnpartnerschaften an. „Wohnen für Hilfe“ heißt das Programm, bei dem Studierende mietfrei oder für weniger Miete wohnen können.

Träger sind die Katholische Studentengemeinde und der Caritasverband. Im Gegenzug leisten die Mieter dem Vermieter pro Quadratmeter Wohnfläche eine Stunde im Monat Hilfsleistungen im Alltag. Nur die Nebenkosten wie Heizung, Wasser und Strom müssen die WGler selbst zahlen. Ob Unterstützung in Haushalt und Garten, Einkaufen oder Hilfe bei Schreibarbeiten, Kinderbetreuung oder gemeinsame Ausflüge – Studierende und Vermieter vereinbaren diese Hilfeleistungen ganz individuell in einem Vertrag.

Ausgeschlossen sind allerdings alle Pflegeleistungen oder 24-Stunden-Betreuungen. Ziel des Projektes ist nach Angaben des Studentenwerks „die gegenseitige, generationenübergreifende Unterstützung und Bereicherung der Wohnraumpartner“. Freude an der Kommunikation gehört selbstverständlich dazu, aber die sollte bei Studenten ja eigentlich vorhanden sein.

(Welt N24)

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