Ausbildung

Uni-Professor hält Studenten für Jammeris

Sie hetzen von einer Vorlesung zur nächsten, dazwischen schreiben sie Arbeiten und Prüfungen. Völlig erschöpft schleppen sie sich zum Psychologen. Immer wieder stöhnen Studenten über ihr hartes Leben. Schuld soll das verschulte System der Bologna-Reform sein.

Der Zürcher Soziologieprofessor Jörg Rössel hat kein Mitleid mit den Studenten. Das Klagen sei blanker Unsinn, schreibt er in der Online-Ausgabe des Magazins «NZZ Campus». Studien würden belegen, dass heute gleich viel Zeit für das Studium aufgewendet werde wie früher. Sein Fazit: «27 Stunden Arbeitszeit tönt nach einem lässigen Leben.»

«Für alles braucht es eine Prüfung»

Studentenorganisationen widersprechen. Adrian Mangold, Präsident der Studentischen Körperschaft der Universität Basel, sagt: «Pro Woche beträgt der Aufwand mit Sicherheit mehr als 27 Stunden.» Schliesslich müssten die Studierenden für alles einen Leistungsnachweis in Form von Arbeiten oder Prüfungen erbringen.

Auch Simone Widmer, Geschäftsleiterin des Verbands der Schweizerischen Studierendenschaften, sagt: «Viele Studenten sind heute sehr gestresst.» Da das Bachelor- auf sechs und das Masterstudium in der Regel auf vier Semester beschränkt ist, werde in kurzer Zeit viel Stoff «reingebuttert». Lernen und daneben noch arbeiten oder sich freiwillig engagieren, sei schwierig. Christophe Aeby, Zentralpräsident des Schweizerischen Studentenvereins, berichtet: «Unsere älteren Mitglieder haben oft Mitleid mit ihren jungen Kollegen.» Sie würden dann sagen: «Unser Studentenleben war noch schön.»

Mit Lernen am Anschlag

Laut den Studenten-Vertretern müssen die Hochschulgänger viele Pflichtfächer belegen und teilweise für mehrere Fächer gleichzeitig Arbeiten und Prüfungen schreiben. «Es gibt einige, die Tag und Nacht am Lernen sind», so Simone Widmer. Aeby berichtet von Studenten, die beim Lernen an ihre Grenzen stiessen. «Sie wussten weder ein noch aus, weil der Prüfungsstoff pro Fach teilweise drei dicke Ordner füllte.» Auch der Leistungsdruck macht zu schaffen. Mangold: «Durch den Kampf auf dem Arbeitsmarkt reichen heute nur noch sehr gute Noten für die Chance auf einen Job.» Zusätzlich belastend sei, dass in den Studiengängen immer stärker selektioniert werde.

Das European Credit Transfer System mache das Studieren noch ungemütlicher. «Es könnte auch Punktesammeln genannt werden», sagt Widmer. Mangold spricht von einem wirtschaftlich ausgerichteten System vergleichbar mit den Coop-Superpunkten. «Wissen wird nur noch konsumiert.» Laut den Vertretern kommt die Zeit, sich mit einer Materie vertieft zu befassen, zu kurz. Widmer: «Dadurch besteht die Gefahr, dass viele Studenten Minimalisten werden.»

«Nicht jeder muss Wissenschaftler werden»

Jörg Rössel beharrt dennoch auf seinem Standpunkt. Die Ergebnisse verschiedener Studien im In- und Ausland würden übereinstimmen: «Man bräuchte sehr gute Evidenz, um diese Studien als falsch zu erweisen.»

Zudem ist er der Ansicht, dass die Studenten früher auch nicht öfter über den Tellerrand geschaut hätten. Sie hätten immer schon das getan, was für das Studium nötig gewesen sei. «Es ist gar nicht der Sinn eines universitären Studiums, dass am Ende alle Studierenden Wissenschaftler werden.» Recht gibt Rössel den Studenten aber in einer Sache: «Die Prüfungen könnten über einen grösseren Zeitraum verteilt sein.»

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