Gespräch mit einem Berufsberater

« Es ist eine Frage des Kontextes »

Vincent Risse ist Berater am Zentrum für universitäre Orientierung in Fribourg, das ans SOPFA (Service d’orientation professionnelle et de formation des adultes/ Amt für Berufsberatung und Erwachsenenbildung, BEA) angegliedert ist. Er erörtert die Frage nach einer Neuausrichtung während des Studiums oder auch danach.

 

Welche verschiedene Fälle von Laufbahnwechsel gibt es ?

Was man beobachten kann, ist, dass Laufbahnwechsel in allen Lebensetappen vorgenommen werden, selbst in der beruflichen Karriere. Zunächst jedoch zu Beginn des Universitätsstudiums oder am Ende des ersten Jahres infolge der Prüfungsresultate. Neuorientierungen im Studium können auch bei der Wahl des Masters erfolgen.
Heute führt das Zweistufensystem zur Möglichkeit die ursprüngliche Richtung beizubehalten, sich zu spezialisieren oder ein unspezifisches Masterangebot wahrzunehmen, welches verschiedenen Bachelorprofilen offen steht.
Davon abgesehen hat die berühmte Passerelle für Absolventen der Berufsmaturität den Wechsel von der
beruflichen Schiene auf die akademische Schiene ein wenig erleichtert.
In nur einem Jahr erhält man den Schlüssel zu den Toren der Universitäten. Andere Möglichkeiten bestanden schon früher, wie zum Beispiel in einigen Kantonen das Abendgymnasium.

Das Gegenteil existiert ebenfalls: Leute mit einer gymnasialen Maturität, welche sich zum Beispiel für spezialisierte Fachhochschulen interessieren. Der Übergang erfolgt dann durch ein Jahrespraktikum in einem Unternehmen oder direkt in der Schule.

 

Erkennen Sie eine Tendenz ?

Es lässt sich eine erhöhte Durchlässigkeit der Studiengänge feststellen. Diese Öffnungen erleichtern Neuorientierungen, auch wenn es nicht so spektakulär ausfällt wie man glauben könnte.
Es gibt einen Unterschied zwischen den Leuten, welche unseren Rat aufsuchen und jenen, welche wirklich den Schritt unternehmen. Es ist nicht einfach, radikal zu wechseln. Es ist etwas, das positiv sein kann, aber man darf nicht unterschätzen, wieviel Energie das Ganze benötigt.

Man könnte meinen, es sei nicht mehr so wichtig „richtig zu beginnen“. Das ist sicher teilweise richtig; es ist gut, das zu wissen und ein weniger geschlossenes System zu haben als früher. Aber meiner Meinung nach darf das nicht in einen gewissen Fatalismus münden, der bedeuten würde, dass man weniger gewissenhaft auswählt.
Welche Hilfen stehen den Studierenden zur Verfügung, die Zweifel haben ?

Das genaue Informieren, zum Beispiel über die Kombination von Studiengängen, ist Aufgabe des Dienstes der Universität. Sobald es sich um eine tiefer gehende Infragestellung und das Bedürfnis einer Bilanz der individuellen Situation handelt, bringen wir uns in Form von Beratung und dem Hinweis auf spezifische Informationen ein. Konkret handelt es sich dabei um strukturierte individuelle Gespräche, welche regelmässig mit diagnostischen Hilfsmitteln wie Interessenstest, Persönlichkeitstest oder Wertetest ergänzt werden. Dies ermöglicht eine Art Bestandsaufnahme mit verschiedenen Kriterien zu erstellen, welche bei der Wahl berück-sichtig werden können.

 

Wie soll man  mit « verlorenen » Jahren umgehen ?

Wenn die Neuorientierung mit einem Gefühl des Scheiterns bei der Person einhergeht, was oft der Fall ist, besteht ein Teil unserer Aufgabe darin, zu zeigen, dass das, was gemacht worden ist, einen Sinn haben kann. Manchmal ganz direkt, wenn zum Beispiel Credits eines Faches angerechnet werden können. Ansonsten zeigt die Tatsache, dass wir nicht nur junge Menschen im Studium empfangen, sondern auch viele Erwachsene, dass nichts für immer verloren ist.

 

Wie sehen Personalverantwortliche solche Laufbahnen ?

Mein Eindruck ist, dass dies auf keinen Fall eine negative Rolle spielt. Wenn jemand drei oder vier Abzweiger genommen hat, kann das nach mangelnder Stabilität tönen. Es ist besser, wenn man verhindern kann, zu oft zu wechseln, auch für einen selber. Aber ein Wechsel ist auf jeden Fall nichts Negatives und in gewissen Fällen kann das sogar als Bereicherung des Lebenslaufs präsentiert werden.

 

Und gibt es eine Tendenz, den Berufsweg oder den akademischen Weg zu bevorzugen ?

Unsere Rolle besteht darin jedes Mal zusammen mit unserem Partner den Weg zu suchen, der ihm am besten entspricht. Wenn jemand mit Ideen kommt,
welche ihn sowohl auf den Berufsweg als auch auf den akademischen Weg führen können, oder wenn erst noch ein Projekt ausgearbeitet werden muss, besteht unsere Aufgabe darin, den Unterschied dieser Wege aufzuzeigen. Oft haben die Leute, welche uns aufsuchen, grosso modo zwei Kriterien: „Wird mir das Studium gefallen?“ und „Motivieren mich auf lange Sicht die beruflichen Ziele, welche man damit ins Auge fassen kann?“. Das sind zwar wichtige Fragen aber ein dritter Aspekt wird oft unterschätzt: „Wie werde ich studieren und mich auf meinen Berufseinstieg vorbereiten?“. Man muss sich seiner eigenen Ressourcen, seines Stils und den Konsequenzen einer bestimmten Entscheidung bewusst sein.

 

Was ist im Moment der Orientierung wichtig ?

Selbst wenn sich jemand gründlich informiert, sprechen die Broschüren und Webseiten selten über der Begleitumstände. Wenn ich jemanden habe, der zu Beginn des Studiums Zweifel bekommt, sehe ich oft, wenn ich nachbohre, dass das Motiv in der Frage nach dem Stil des Studiums zu finden ist. Manchmal sagt uns die Person, dass sie das Fach und den Beruf, den man danach damit ausüben kann zwar liebt, aber sich nicht so recht an ihrem Platz fühlt. Dasselbe geschieht bei Angestellten, welche Zweifel haben. Das Problem sind manchmal die Begleitumständ der Arbeit, welchem die Person im Moment seiner Infragestellung begegnen muss. Man sieht, dass sich die Infragestellung nicht zwingend auf die Grundlage, nämlich die zuvor getroffene Wahl bezieht, sondern oftmals eher eine Frage des Kontextes ist. Deshalb sage ich aufgrund meiner Erfahrung, dass der Kontext des Studiums, und danach der Arbeit, ein wichtiges Element ist.

Das ist ein bisschen paradox, denn es ist nicht das, was man auf den ersten Blick eigentlich wählt. Aber es ist doch das, was den Alltag eines Studenten oder eines Berufstätigen ausmacht: die Art von Personen, welche einen umgeben, die Art von Führung, welcher man gegenübertritt etc. Man muss den Leuten helfen, Abstand zu nehmen, denn nicht alles muss zwingend über Bord geworfen werden. Es gibt manchmal mögliche Änderungen, die nicht die gesamten vorangegangenen Entscheidungen betreffen.