Ein zweites Haus in Texas

Welcher Studienanfänger hat sich nicht schon die beiden fast existenziellen Fragen gestellt: Wieso nicht jetzt die Welt bereisen? Und wenn das Leben woanders besser wäre? Es ist, als handle sich in diesem Lebensabschnitt um die allerletzte Gelegenheit, unser jetziges Leben und unsere Gewohnheiten von Grund auf in Frage zu stellen, bevor wir in die Arbeitswelt eintreten.

 

Wie viele andere, habe ich, dazu noch Anglizist, nicht wirklich gezögert. So kam es, dass ich, Danny, 23 jähriger Schweizer, von August 2014 bis Mai 2015 an der Texas A&M International University (TAMIU) in Laredo, Texas, studierte. Das Ergebnis? Ein unvergessliches und vielseitiges Erlebnis.

 

Unsicherheit bis zur Abreise

 

Alle Studenten, die im Ausland waren, werden es bestätigen. Ein Jahr an eine ausländische Universität zu gehen, das muss erstmals vorbereitet werden. Zu Beginn kann man sich all die administrativen Schwierigkeiten, die mit einem solchen Auslandsjahr verbunden sind, gar nicht vorstellen. Ich kann mich noch gut an den Abend vor meinem Abflug erinnern. Ich war in Bern, vor der amerikanischen Botschaft, in Erwartung meines Visas, das ich schliesslich um 17 Uhr erhielt, für meinen Abflug am Tag darauf, um 10 Uhr Vormittag! Ich war erstaunt, zu erfahren, dass ich nicht der Einzige in dieser misslichen Situation war, denn einem anderen Studenten von der Universität Lausanne erging es ebenso. Unsicherheiten also bis zum Abflug, doch dann in der Luft, kam grosse Freude auf.

 

Lass uns noch ein wenig von den Unsicherheiten und Unwägbarkeiten sprechen. Denn trotz allen guten Willens dieser Welt, halten sich Vorurteile und Klischees erstaunlich hartnäckig. Die Stadt Laredo befindet sich ganz im Süden von Texas, am Rio Grande, dem Grenzfluss zu Mexiko. Es ist wohl nicht notwendig darauf hinzuweisen, dass derartige Grenzstädte in den USA ein eher schlechtes Image geniessen. Dennoch reizte mich im Rahmen des International Exchange Students Programs (ISEP) eben diese kleine Universität viel mehr als die anderen mehr „formatierten“ Universitäten der USA, die man gar zu oft in den Fernsehserien zu Gesicht bekommt. Mit grosser Neugierde aber auch schweren Herzens habe ich also ganz bewusst die Koffer für diese kleine Stadt im Süden der USA gepackt.

 

Kulturschock

 

Natürlich kam es gleich bei der Ankunft und dem ersten Kennenlernen der texanischen Universität zu einem Kulturschock. Dabei lösen sich einige Klischees in Windeseile auf, andere, mit denen man nicht gerechnet hätte, nehmen dafür deren Platz ein. So musste ich feststellen, dass meine Vorurteile in Bezug auf die mangelnde Sicherheit einer US-mexikanischen Grenzstadt gänzlich falsch waren. Laredo hat etwa 250 000 Einwohner auf einem Stadtgebiet, das in etwa fünf bis sechs Mal so gross, wie dasjenige von Lausanne. Für mich, der kleine Schweizer, als den ich mich fühle, kommt mir die Situation schon sehr bizarr vor, denn diese Stadt mit ihren gigantischen Ausmassen gilt nach amerikanischen Massstäben betrachtet als Kleinstadt. Der erste Kulturunterschied, den es zu überwinden gilt, hängt eben genau an dieser urbanen Definition von Grösse in einem Flächenstaat wie Texas. Vergesst die öffentlichen Transportmittel. Glücklicherweise gewöhnt man sich schnell daran und teilt sich den Tag so ein, wie die Einheimischen, die ihren Einkauf so tätigen, dass sie den alle zwei Stunden fahrenden Bus nehmen können. In Grossstädten, wie Houston, die ich glücklicherweise auch besuchen konnte, breitet sich das Stadtgebiet über mehrere hundert Quadratkilometer aus, die durch zahlreiche überfüllte Schnellstrassen durchquert werden, wo aber praktisch keine öffentlichen Verkehrsmittel verkehren. Das ist nur eine der vielen kulturellen Unterschiede, die man mal mit Amüsement mal mit Interesse zur Kenntnis nimmt.

 

Der zweite grosse Unterschied betrifft das soziale Verhalten im täglichen Leben. Die Menschen pflegen sehr informelle Umgangsformen in fast allen Lebenssituationen und bleiben dabei dennoch warmherzig. Nicht selten wird man von Unbekannten begrüsst oder gar in ein Gespräch verwickelt oder einfach mit Komplimenten bedacht, etwas, was in der Schweiz fast undenkbar erscheint. Sicherlich habe ich auch die mehr konservative Seite dieses Staates sehen können. Der christliche Glaube, der Glaube ganz allgemein, ist noch sehr präsent. Einem Fremden flösst dies Respekt ein. Hier ist der Kulturschock mit Annehmlichkeiten verbunden, die sich bei jeder Begegnung wiederholen.

 

Und die Vorlesungen?

 

Das Ziel eines Studienaustausches ist ja akademischer Natur, dies betraf ja auch meinen Fall. TAMIU ist eine kleine Universität, wie viele andere, die im ISEP Programm aufgelistet sind. Es handelt sich also nicht um eine Ivy League Universität, dies spürt man auch am Niveau der Vorlesungen. Hingegen erstaunen einen die regelmässigen Benotungen, Anwesenheitspflichten und Anwesenheitslisten, die von unseren Prüfungen in der Schweiz, die erst am Semesterende erfolgen, sehr verschieden sind. Ihr werdet verstehen, dass mit der Regelmässigkeit und dem strikten Befolgen des Lernplanes die akademische Freiheit verloren geht. Darüber hinaus wird jeder Student in jeder Vorlesung für seine Mitarbeit beurteilt. Da bekommt man ein wenig das Gefühl, wieder im Gymnasium zu sitzen. Die Stimmung in der Vorlesung ist allerdings sehr viel lockerer als in Europa. Da sprechen die Professoren schon mal vom Wetter oder erzählen den einen oder anderen Witz. In den Vorlesungen wird viel gelacht, auch das gehört zu den informellen Umgangsformen.

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Ein zweites Haus weit ab von der Schweiz

 

Oft sagt man, die Rückkehr in die Schweiz löst einen zweiten Kulturschock aus. In einem Jahr bilden sich Freundschaften und unvergessliche Erinnerungen. Ich fand auch mein zweites Haus und verliess damit definitiv meine Gastuniversität. Ich ziehe eine absolute positive Bilanz von meinen Erfahrungen, die es mir ein ganz anderes Amerika gezeigt haben, als das man in den Fernsehserien und in den unpersönlichen Massenuniversitäten zu Gesicht bekommt.

Ich habe das tiefste Amerika an einem Ort erlebt, wo man dieses vielleicht gar nicht erwartet hätte. Auf jeden Fall, wie ein Einheimischer, kann ich nicht umhin, die Schönheiten dieses Staates, der mein Staat geworden ist, zu loben und dabei auf die Wörter eines grossen Countryklassikers gesungen von Jerry Jeff Walker verweisen,:

 

Keep Texas beautiful

Keep Texas free

Keep her wild and naturel

Just the way she ought to be“.

 

6 ORTE, DIE MAN IN LAREDO UND IN TEXAS NICHT VERPASSEN SOLLTE:

 

1/ Das NASA Space Center in Houston

 

2/ Die Bars an der 6th Street in Austin

 

3/ Ein Basketballmatch mit Studenten der TAMIU

 

4/ Die Parade anlässlich des George Washington Festivals in Laredo

 

5/ Das „Riverwalk“ in San Antonio

 

6/ Ein texanisches Steakhaus mit Countrymusik