Arbeitslosigkeit, die einzige Perspektive für junge Akademiker?

Die Debatte über die Arbeitsmarktfähigkeit von Absolventen frisch ab Uni ist neu lanciert.

Das Erscheinen der französischen Übersetzung  „Le mirage des longues études. Pourquoi tout le monde ne doit pas aller à l’Université et en quoi l’apprentissage est bénéfique”   des Buches „Die Akademisierungsfalle. Warum nicht alle an die Uni müssen” von Rudolf H. Strahm im April dieses Jahres lässt reichlich Tinte fliessen. Die Anhänger der Berufsausbildung schiessen gegen die Hochschulen.

Der Numerus Clausus

Alles begann im März 2015, als Adrian Amstutz, SVP-Nationalrat, eine Begrenzung der Zulassungen an die Human- und Sozialwissenschaftlichen Fakultäten forderte, um die Anzahl der Einschreibungen um die Hälfte zu reduzieren. In seinen Augen sind diese Studiengänge nichts als Zeit- und Geldverschwendung, denn die Absolventen dieser Fächer würden sich in der Arbeitslosigkeit wiederfinden. Das war genug, um die Debatte eskalieren zu lassen. Professoren und Studenten entrüsteten sich und appellierten an  das in der Verfassung rechtlich verankerte  Recht der Wahlfreiheit hinsichtlich der Ausbildung.

Die Ignoranz der Arbeitswelt

Das 2014 erschienene und dieses Jahr auf Französisch übersetzte Buch von Rudolf H. Strahm, Besitzer eines Eidgenössischen Fähigkeitszeugnisses als Laborant sowie einer Ausbildung in Chemie und später Ökonomie, lanciert die Debatte neu. Aber dieses Mal attackiert der Ex-SP-Nationalrat und Ehrendoktor der Universität Bern alle akademischen Studiengänge. Roger Piccand, ehemaliger Chef des Arbeitsamtes des Kantons Waadt, verteidigt dessen Thesen in den Kolumnen der Zeitung „Le Temps“.

Manche universitären Studiengänge seien demnach reine  „Dekoration“ , zumal sie keinem Bedürfnis des Arbeitsmarktes entsprächen. Das Bologna-System zwinge die Professoren, ihren Unterricht zu vernachlässigen, um sich auf die Forschung zu fokussieren, ganz  nach dem Prinzip des „publish or perish“. Gleichzeitig werden die dualen Ausbildungen – darunter die Berufslehre – aufs Podest gehoben, da diese für das Wirtschaftswachstum einiger Länder (Schweiz, Deutschland, Österreich, Niederlande und Dänemark) verantwortlich sein sollen.  Eine elterliche Inklination zur universitären Ausbildung als Paradeweg wird verurteilt. Die Unwissenheit der Politiker, welche keine Ahnung davon hätten, worin die Berufsausbildungen eigentlich genau bestehen, wird scharf kritisiert (die Schweiz bietet Berufslehren in mehr als 200 Berufen an). Piccand beendet seine Argumentation mit der Mahnung, dass „die Ausbildung der grösstmöglichen Anzahl Leuten zugutekommen und im Dienste der Gesellschaft und des Arbeitsmarktes stehen [muss] und nicht im Dienste einer Elite“.

Eine Voreingenommenheit?

Die Reaktionen lassen nicht auf sich warten. Alexander Bergmann, Honorarprofessor an der HEC Lausanne, antwortet in der Rubrik „Opinion“ („Meinung“) von „Le Temps“ scharf auf die Behauptungen von Piccand. Er weist den Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Erfolg einiger Länder und dem Vorhandensein von Berufslehren aufgrund mangelnder stichhaltiger Belege zurück. Die Rolle der Universität bestehe darin,  „verantwortungsbewusste Bürger auszubilden, das Wissen zu fördern und an der Pflege und Entwicklung der Kultur teilzuhaben.“ Dieser Lehrauftrag bilde „eine Schutzmauer gegen jegliches Einheitsdenken und jeglichen Fundamentalismus und Totalitarismus.“ Darüber hinaus erwähne das Bologna-System keinerlei Klausel in Bezug auf den Karrierismus der Professoren. Für Bergmann gibt es keine Konkurrenz zwischen einer akademischen Laufbahn und dem berufsbildenden Weg: „Beide haben ihre Berechtigung und tragen auf ihre Weise zum Wohle der Bevölkerung bei, der sie dienen.“

Fehlinterpretation?

Jacques Guyaz, Abteilungsleiter bei der Stadt Lausanne und Träger eines Doktortitels in Sozialwissenschaften des Instituts für politische Studien in Paris, warnt in der Zeitschrift „Domaine Public“ vor einem weitverbreiteten Irrtum: „ [man darf] nicht Korrelation mit Kausalzusammenhang verwechseln.“ Ihm zufolge ist die Entwicklung der akademischen Ausbildung in der Westschweiz auf „ein an auf Dienstleistungen ausgerichtetes wirtschaftliches Umfeld [zurückzuführen], woran Firmensitze und Forschung einen grossen Anteil haben.“ Der Erfolg des Berufslehre-Systems beruhe seinerseits  „auf der alten Tradition äusserst leistungsstarker industrieller KMUs, welche grossen Bedarf an qualifizierten Praktikern  haben.“

Und was sagt die Statistik ?

Eine Studie des Bundesamtes für Statistik (BFS) unter Hochschulabsolventen aus dem Jahr 2010 bietet eine neue Sicht auf die Situation. Die Studie wurde im letzten April veröffentlicht und zeigt überraschende Zahlen  zur Arbeitslosenrate ein Jahr und fünf Jahre nach Erlangung  des Abschlusses. Es lässt sich erkennen, dass Masterabsolventen einer Hochschule ein Jahr nach ihrem Studium  schwerer eine Stelle finden (3,6%) als Bachelorabsolventen (2,9%). Vier Jahre später sinken diese Prozentzahlen (2,5% bzw. 2,0%). Die Zahlen bei den Hochschulabgängern für Pädagogik (PH) bleiben tief (0,6% im Jahr 2011 und 0,5% im Jahr 2015). Die durchschnittliche Arbeitslosenquote unter ehemaligen Studenten bleibt unter dem Wert der aktiven Bevölkerung in der Schweiz (welche zwischen 2007 und 2015 bei rund 4% stagnierte).

Wenn man die unterschiedlichen Studiengänge miteinander vergleicht, sieht man, dass Absolventen der Human- und Sozialwissenschaften ein Jahr nach Abschluss gleich viel Mühe haben eine Stelle zu finden (4,6%) wie jene der Wirtschaftswissenschaften (4,5%). Im Jahr 2015 sind  beide Zahlen hingegen glücklicherweise tiefer (2,7%  bzw. 2,2%). Paradoxerweise ist festzustellen, dass ehemalige Studenten der exakten und naturwissenschaftlichen Fächer (3,5%) und jene in Medizin und Pharmazeutik (0,9%) zwar rasch einen ersten Job finden, diese Bereiche vier Jahre später aber mehr Arbeitslose  zählen (4,5%  bzw. 1,4%).

Der Kenner der Ausbildungswelt, Jean-Bernard Thévoz, und der Kenner der Arbeitswelt, Roger Piccand, geben uns nachfolgend Tipps, um den beruflichen Einstieg nach der akademischen Ausbildung zu erleichtern.