Ein Jahr im Süden

Erasmus oder eine unvergessliche Erfahrung im Ausland!


Ein Sprichwort besagt, dass Reisen die Jugend formt, und tatsächlich, nach fast einem Jahr weg von Familie, Freunden und der alltäglichen Routine, stelle ich unweigerlich fest, dass ich erwachsener geworden bin. Als ich von meinem Aufenthalt in Süditalien nach Hause kam, erstaunte ich so einige Leute! Der Erasmus-Austausch, dieser «Sprung ins Unbekannte», wohlbekannt bei reisefreudigen Studierenden, ist die ideale Gelegenheit, um eine neue Sprache zu lernen, eine neue Kultur zu entdecken, oder um schlicht unabhängiger und reifer zu werden.

Wie ist es wirklich?

Nachdem du deine Familie – und vielleicht auch deinen Freund/deine Freundin – über deine Pläne in Kenntnis gesetzt sowie den ganzen administrativen Papierkram (keine Sorge, davon wirst du auch vor Ort noch genug haben!) hinter dich gebracht hast, ist der schicksalshafte Moment der Abreise endlich gekommen. Du verabschiedest dich von allen Leuten, versprichst deinen Freundinnen und Freunden, regelmässig zu schreiben und ihnen bei deiner Rückkehr alles zu erzählen, und machst dich auf den Weg zum Flughafen, wie ein Grosser. Doch sicher bist du dir deiner Sache nicht, als du – mit Tränen in den Augen – ins Flugzeug steigst, das dich weit weg von Zuhause bringen wird… und das Gefühl wird auch nicht besser bei deiner Ankunft, denn du hast keine Ahnung, wo du hinmusst. Du vertraust einzig und allein auf Google Maps. Und trotzdem bist du überglücklich… denn von diesem Moment hast du bereits seit Monaten geträumt, und nun bist du endlich hier!

Sobald du den Weg in dein neues Zuhause gefunden hast, richtest du dich ein und gehst draussen auf Entdeckungsreise, ganz alleine. Du verirrst dich ein paar Mal in der Stadt, vielleicht sogar in deinem Wohnhaus, doch dann entdeckst du den tollen Park, bloss zwei Gehminuten entfernt von dir, das Ufer des Meers, in fünf Minuten erreichbar, oder den Berg, den du in der Ferne erblickst. Allerhand Gerüche steigen dir in die Nase, wenn du den Strassen entlangspazierst: Jod, Kaffee, Pizza… All diese kleinen Sachen bilden in der Summe deine neue Umwelt, kreieren eine neuartige Stimmung; du entdeckst den Rhythmus, der von nun an bis zum Ende deines Auslandaufenthaltes dein Leben bestimmen wird.
Falls du wie ich im Sommer ankommst, ist der Strand der ideale Ort, um Zeit zu verbringen und um Leute kennenzulernen (vorausgesetzt natürlich, dass dein neuer Studienort am Meer liegt). Daher habe ich mehr oder weniger 100 % meiner Zeit am Strand verbracht, Tag und Nacht!
Doch alle Ferien gehen vorüber, und so gilt es bald, das Studium an der neuen Universität zu beginnen. Du verlierst dich in den Gängen, weil du deinen Hörsaal nicht findest, und wenn du ihn dann doch endlich gefunden hast und dich hinsetzt, stellt du fest, dass du gar nichts oder nur wenig verstehst, weil Italienisch gesprochen wird. Glücklicherweise bemerkt dies mein Sitznachbar, und da ich Ausländer bin, erklärt er sich dazu bereit, mir zu helfen. Innerlich springe ich vor Freude! Ein neuer Freund, mit dessen Hilfe sich meine Noten garantiert verbessern werden! Unumgänglich ist der Gang zum Erasmus-Büro, um noch mehr von diesem berüchtigten Papierkram zu erledigen. Dort muss man sich das Studienabkommen unterschreiben lassen, in dessen Rahmen man sich dazu verpflichtet, alle Kurse zu besuchen, und im Gegenzug die Garantie erhält, dass einem die Kredits bei der Rückkehr nach Hause gutgeschrieben werden. Im Büro kann man auch seine Fragen stellen sowie mehr über die Erasmus-Vereinigungen erfahren. Darin besteht der Schlüssel: Mein Umfeld vergrösserte sich schlagartig und ich nahm an von Erasmus organisierten Events und Partys teil. Falls es dort, wo du hinwillst, Vereinigungen gibt (in der Regel sind dies ESN – Erasmus Student Network oder AEGEE – Association des Etats Généraux des Etudiants de l’Europe), schliesse dich ihnen UN-BE-DINGT an. An sie kannst du dich ebenfalls wenden, falls du Probleme mit deiner Unterkunft hast, was bei mir glücklicherweise nicht der Fall war.

Die Wochen verstreichen, ich finde viele neue Freunde (andere Erasmus-Studierende ebenso wie Einheimische), ich weiss, wo sich die schönsten Strände sowie die guten Bars, Restaurants und Läden befinden, und ich kann mich in der Stadt immer wie besser orientieren (das heisst, ich verirre mich so gut wie nicht mehr!). Italienisch verstehen und sprechen klappt immer besser und auch meine Kurse werden mir immer sympathischer. Alles in allem habe ich mich an mein neues Leben weit weg von Zuhause gewöhnt, und ich geniesse es in vollen Zügen! Ebenfalls gehe ich (zu) oft feiern, und mache manchmal Ausflüge, um die Region besser kennenzulernen. Gerade an die verrücktesten Momente werde ich mich mein ganzes Leben lang zurückerinnern!

Und was ist mit den Prüfungen?

Leider steht die Zeit auch während eines Erasmus-Aufenthaltes nicht still, und plötzlich stehen die Prüfungen vor der Tür. Da ich die Sprache noch nicht vollständig beherrsche, bin ich doppelt nervös. Da meine neuen Freunde jedoch in derselben Situation sind wie ich– und uns der Teamgeist verbindet – gehen wir den Stoff gemeinsam nochmals durch. So treffen wir uns abwechselnd bei jemandem zu Hause, wenn nicht in der Universitätsbibliothek. Dies ist zudem eine gute Gelegenheit, die Freundschaftsbande noch enger zu knüpfen, denn man verbringt beim gemeinsamen Lernen viel Zeit miteinander. Okay, dies endet sehr oft bei einer guten Flasche Wein und Erdnüssen, wodurch ich mich zwischen den Prüfungen doch ganz gut entspannen kann!

6 Monate oder 1 Jahr?

Aus meiner Sicht sind 6 Monate kurz, sehr kurz. Denn kaum haben sich erste Freundschaften entwickelt, kaum findest du dich in deiner neuen Umgebung einigermassen zurecht, schon musst du wieder abreisen! So geschah es einigen von meinen Freunden, die ich dort kennenlernte, und dies war äusserst Schade! Ich hatte mich im Voraus für 1 Jahr entschieden und war äusserst glücklich mit dieser Wahl. Dadurch, dass ich bei vielen Abreisen meiner Freunde dabei war, wurde mir bewusst, wie wenig Zeit mir selber noch übrigblieb. Bei längeren Aufenthalten gibt es zudem einen einfachen Trick, um das Heimweh zu bekämpfen: Sag deiner Familie und deinen Freunden, dass sie dich besuchen sollen! Da du deine Stadt mittlerweile gut kennst, kannst du ihnen die schönsten Ecken zeigen und tolle Ferien verbringen!

Bereits an der Zeit, Abschied zu nehmen!

Du hast alle Abschlussprüfungen hinter dich gebracht, die letzten administrativen Formalitäten erledigt und bist bereit für die ersten Abschlusspartys. Diese enden garantiert immer damit, dass jemand (oder die ganze Truppe) in Tränen ausbricht! Denn nachdem du so viel Zeit an diesem Ort und mit diesen Menschen verbracht hast, sind sie dir sehr, sehr ans Herz gewachsen, und es fällt schwer, Abschied zu nehmen. Mit manchen Freunden warst du vielleicht sogar auf Reisen, die sicherlich nicht immer einfach waren, welche du jedoch niemals vergessen wirst. Diese Menschen sind für dich zu einer zweiten Familie geworden, der Erasmus-Familie. Mit manchen von ihnen treffe ich mich noch Monate (wenn nicht Jahre) später wieder – ganz egal wieviel Zeit vergangen ist oder welche Distanz zwischen uns liegt! Dann naht auch der Moment des Abschieds. Du organisierst noch deine Rückreise, bevor du dich zum Weinen in dein Bett zurückziehst. Dann zerbrichst du dir den Kopf darüber, wie du alle deine Sachen in die Koffer bekommst (was NIEMALS klappen wird), ehe du ins Bett zurückkehrst um weiter zu heulen. Schliesslich verabschiedest du dich bei all denjenigen, die noch länger bleiben, und weinst erneut, als du sie umarmst.

Abschliessend kann man nur festhalten, dass es wirklich eine magische Erfahrung ist, bei der du viel über dich und die Anderen lernst. Du entdeckst einen neuen Lebensstil, ein anderes Land, oft auch eine andere Sprache. Dank des «Erasmus-Esprits», der für offene und freundliche Gemüter sorgt, findest du Freunde fürs Leben und kommst mit allerlei schönen Erinnerungen im Kopf nach Hause. Aber aufgepasst, die Heimkehr könnte sich etwas schwieriger gestalten. Bei mir jedenfalls dauerte es lange, bis ich mich wieder an mein «altes» Leben gewöhnt hatte. Doch ich kann ohne zu zögern sagen, dass dies wirklich eine der besten Entscheidungen meines Lebens war! Wenn du also auch die Gelegenheit hast und Lust verspürst, einen Erasmus-Aufenthalt zu machen, dann nichts wie los!


6 Tipps für Reisende nach Salerno:

- Unbedingt bei Punto Freddo ein Briocheeis essen und dabei die Meersicht geniessen.
- Das Arechi-Schloss mit dem atemberaubenden Panorama über den Golf von Salerno besuchen.
- Bei Cargo einen selber zusammengestellten Burger essen und im historischen Zentrum etwas trinken gehen.
- Nach Möglichkeit mitten im Winter kommen, um die Weihnachtlichter über der Stadt zu sehen.
- Sich nicht zu sehr über die fehlende Pünktlichkeit und Ordnung ärgern – hier herrscht ein anderer Lebensstil!
- Aufgeschlossen und offen sein, um geniale neue Leute kennenzulernen!