Die Geheimnisse von Medellin

Medellín, das Ende der 80er-Jahre aufgrund des Drogenkriegs der grossen Kartelle als gefährlichste Stadt der Welt bekannt war, hat sich mittlerweile auf unglaubliche Art und Weise in ein dynamisches, pulsierendes, sicheres und organisiertes urbanes Zentrum entwickelt und wurde im Jahr 2013 als innovativste Stadt der Welt ausgezeichnet. Die schiere Anzahl sozialer Projekte, um die in der Vergangenheit ausgegrenzten Gemeinden ins Herzen der Stadt zu integrieren, war der Schlüssel zum Erfolg. Jetzt ist Medellín eine unendliche Quelle kultureller und künstlerischer Schätze. 

Der Weg, der mich hierher geführt hat

Als Maschinenbaustudent an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne und dann an der ETHZ habe ich schon immer auch die persönliche Weiterentwicklung durch tolle zwischenmenschliche Begegnungen zu schätzen gewusst. Der kulturelle Austausch erlaubt es, uns von der eigenen kulturellen Ausdrucksweise zu lösen und uns für andere Lebensweisen zu öffnen. Auf der anderen Seite zwingt uns die rasante Entwicklung unserer Konsumgesellschaft dazu, dringend innovative und nachhaltige Lösungen zu finden, um die negativen Auswirkungen auf unsere Umwelt zu minimieren. Diese beiden Aspekte haben mich dazu geführt, mein drittes Bachelorjahr in São Paulo, Brasilien, zu verbringen, und anschliessend in Projekten für erneuerbare Energien und rurale Entwicklung in Laos zu arbeiten. Und jetzt bin ich während meinem Master durch die Organisation IEASTE in Medellín, Kolumbien, gelandet, um in einem Forschungsprojekt der Universität EAFIT über die Optimierung von Konzentrationsstrategien und Solartracker für Photovoltaikanlagen zu arbeiten. 

Das Kennenlernen meines neuen Zuhauses

Die ersten Eindrücke von meinem neuen Zuhause waren geprägt von einer Beobachtungsphase, um mich an die kleinen Unterschiede in der Art der Kommunikation anzupassen und den sozio-politischen Kontext besser zu verstehen, in dem ich mich jäh hineingeworfen wiederfand. Mein erster Ratschlag wäre, sich schnell ein Velo zuzulegen, um die Stadt zu erkunden und zum Beispiel das Quartier El Poblado zu umgehen, das Neuankömmlingen oft empfohlen wird. In Tat und Wahrheit ist es aber eine Ansammlung ausländischer Reisender und Nachtlokale, die wenig mit dem authentischen Kolumbien gemeinsam hat. Das Transportnetz inklusive Metro und Metrocable (Drahtseilbahn, unbedingt ausprobieren!) in Medellín ist beispielhaft und einzigartig in Kolumbien. Es hat sich eine richtiggehende «Metrokultur» entwickelt, mit sauberen, leisen und sicheren Fahrzeugen. Jeder Medellín-Besucher wird sich zur Rush-Hour mit ausgelasteten Linien konfrontiert sehen. Sich einen Weg durch die Menschenmenge zu bahnen, wird jedoch schnell zu einem unterhaltsamen Spiel, da die Passagiere lächeln und sich ob der Situation amüsieren! 

...und der Leute die da wohnen

Dieses Konzept des gemeinschaftlichen Lächelns angesichts von auftauchenden Unbequemlichkeiten des Lebens ist für Kolumbianer sehr typisch. Sobald man hier ankommt, merkt man sofort ihren Optimismus, trotz der schweren Geschichte des Bürgerkriegs, von der praktisch alle Bürger betroffen waren. Die Paísas, die Bewohner von Antioquia, der Region, in der sich Medellín befindet, sind für ihre Gastfreundschaft und ihren Unternehmergeist bekannt, die ihrer Vergangenheit als Händler entspringen. Die jungen Leute, die man hier trifft, haben oft ihr eigenes Geschäft, vom simplen Verkauf von Früchten, über etliche Elektronikläden bis zu alternativen Cafés. Die Universität EAFIT bietet ein Patensystem an, was einem ermöglicht, die Stadt dank einem Studenten der Uni kennenzulernen. Das hat mir geholfen, meine ersten Kontakte zu knüpfen und mich zu orientieren und sogar ein Zimmer zu finden; es besteht kein Grund, sich bereits im Vorfeld darüber Sorgen zu machen! Noch ein kleiner Tipp: Knüpft Kontakte zu Kolumbianern.Die Austauschstudenten haben die Tendenz, untereinander zu bleiben und ausschliesslich Englisch zu sprechen und verpassen so die Gelegenheit, eine Sprache zu lernen und eine neue Kultur zu entdecken. 


Eine pulsierende Stadt...

Zum Zeitpunkt meiner Ankunft war Kolumbien gerade in einer interessanten politischen Situation, da die von Präsident Santos vorgeschlagene Abstimmung über die Ablehnung oder Zustimmung zu Friedensverhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC Rebellen kurz vor der Durchführung stand. Debatten, Kundgebungen, mediale Kampagnen, Theaterstücke und Tanzvorführungen füllten die Strassen, um die Kolumbianer dazu zu bewegen, ihre Stimme abzugeben. Dadurch bin ich sofort in die Dynamik von Medellín eingetaucht und konnte viele interessante Bekanntschaften machen. Eine Stadt anhand von künstlerischen, kulturellen, sozialen und politischen Veranstaltungen zu erleben, ermöglicht es einem aktiver am urbanen Leben teilzunehmen und mit der traditionellen als auch alternativen Kultur in Kontakt zu kommen. Für all jene, die wie ich gerne an jedem Wochentag von einem Event zum nächsten hüpfen, empfehle ich die alternative Zeitung «universocentro» und die Kulturagenda «movida cultural» um nichts zu verpassen! Die Studenten der vielen Universitäten Medellíns präsentieren ihre eigenen Projekte in den unzähligen Kulturräumen, welche der Stadt einen frischen, aktiven und innovativen Wind verleihen. 

... voller Farben un Rhytmen ...

Die kolumbianische Kultur ist ebenso vom Rhythmus und von den Farben geprägt, die in Medellín nie fehlen. Die Stadt ist bekannt für Salsa und gleichsam Hauptstadt des kolumbianischen Tangos. Tanz und Musik beleben jeden Abend die Strassen.. Das Tibiri Tàbara zum Beispiel ist eine authentische Salsabar, bekannt für die exzessive Luftfeuchtigkeit aufgrund mangelnder Luftzirkulation ­– unmöglich, dort nicht schweissgebadet rauszugehen, selbst ohne getanzt zu haben! Dies ist Teil der Erfahrung und macht sie einzigartig. Samstags empfehle ich, einen Blick ins Teatro Pablo Tobón zu werfen für Shows und gratis Tanzkurse. Das Kulturhaus Casa Pascasia bietet ebenfalls zahlreiche lokale Konzerte. Für Perkussionskurse wende dich ans Kulturzentrum Moravía! Für alle, die nach Medellín ziehen wollen, empfehle ich, einen Blick auf das Quartier San Joaquín zu werfen; es ist sehr zentral und dennoch ruhig, wahrlich authentisch und kostengünstig. 

...Umgeben von Natur

Medellín liegt in einem Tal auf 1500 Meter Höhe, umgeben von Bergen. Von dort ist man im Nu in den umliegenden Naturlandschaften und an der frischen Luft. Eine Nacht in Santa Helena im Wald am Lagerfeuer zu campieren, ist zum Beispiel ein einfach zu organisierender Ausflug! Eine andere Region in Kolumbien, die mich besonders fasziniert hat, ist der Norden von Chocó an der atlantischen Küste. Dort durchstreift der salzige Wind vom Meer her den dichten Dschungel und mischt sich mit der anzestralen Kultur, welche die dortigen Gemeinschaften immer noch pflegen. Die reiche indigene Kultur des Landes ist faszinierend und öffnet die Sinne fürs Leben. 

Worauf wartest du noch ?

Mit seinem ewigen Frühling, dem innovativen und dynamischen Charakter, der innerhalb von 25 Jahren um 95% reduzierten Kriminalitätsrate, seinen herzlichen Einwohnern und dem reichen Angebot an Universitäten ist Medellín eine ausgezeichnete Wahl für einen akademischen Austausch. Also, worauf wartest du noch? Kontaktiere deine Universität oder die Organisation IAESTE, um eine unvergleichliche Erfahrung zu machen!

Sechs Tipps für Reisende nach Medellín:

1. Eine Fahrt mit der Drahtseilbahn machen
2. Sich mit der alternativen Zeitung «universocentro» über lokale Events informieren
3. Im Tibiri Tábara Salsa tanzen gehen
4. Velo fahren
5. Im Kulturzentrum Moravía Perkussionsstunden nehmen
6. Eine Nacht im Wald von Santa Helena campieren