Fünf Monate am Ufer der Spree

Rückblick auf ein Semester in Berlin

Das Programm Erasmus wurde 1987 für Studierende und lehrpersonen von Hochschulen geschaff en, die einen austausch machen wollen. obwohl die Schweiz seit 2014 nicht mehr dazu gehört, sind teilnahmen dank Swiss-European Mobility Program (SEMP) möglich. Von März bis juli 2016 habe ich diese Gelegenheit genutzt, um an der Freien Universität Berlin (FU) zu studieren. Als Student im dritten Bachelorjahr der Fakultät für Geowissenschaften war es unerlässlich, eine Universität zu finden, die ein Austauschabkommen mit der Uni Lausanne hat. Die FU gehört dazu und die deutsche Hauptstadt hat mich wegen ihrer Grösse, ihrer Geschichte, ihrer Kultur und ihrer Partyszene angezogen. Zu Beginn musste ich Bewerbungsunterlagen mit einem Studienplan abgeben, mit allen Kursen, die ich an der FU belegen wollte.

Ablauf des Semesters

Als ich am ersten März ankam, wohnte ich zuerst in einer WG mit einem Quebecer. Die folgenden sechs Wochen waren intensiven Deutschkursen an der FU gewidmet. Danach haben die Semesterkurse angefangen. Nach einem Monat bin ich zu Einheimischen umgezogen, um mein Deutsch zu verbessern. Eine interessante, aber schwierige Erfahrung, die mich ein zweites Mal die Unterkunft wechseln liess. Der Aufenthalt endete am 29. Juli, gefolgt von einer einmonatigen Reise.

Erfahrungen während meines Austauschs

Die erste neue Erfahrung war, aus meiner Komfortzone herauszukommen - das war vor und während meines Aufenthalts nötig. Nur schon die Entscheidung, aufzubrechen, entstand nach reiflicher Überlegung. Weit weg von zu Hause musste ich mit einem Mangel an materiellem und emotionalem Komfort umgehen. Dank des Sprachkurses konnte ich einen Freundeskreis mit Studierenden aus verschiedenen Ländern aufbauen. Dies und der internationale Charakter Berlins gaben mir Möglichkeit, mich in verschiedenen Sprachen zu unterhalten. Auch die Kultur kam nicht zu kurz: Ich habe viel über die Geschichte der Stadt gelernt, die vom Kalten Krieg gesprägt ist. Dies widerspiegelt sich in Denkmälern, der Architektur und der alternativen Kunst, die während der Zeit der Mauer entstanden ist. Ausserdem habe ich Gesellschaftsnormen erlebt, die um einiges liberaler sind, als die mir bisher bekannten. Party machen kann man in Berlin zu jeder Zeit. Einige Bars und Clubs schliessen erst sehr spät oder gar nicht. Langweile am Abend? Fehlanzeige! Im Austausch habe ich auch gelernt, mit Geld umzugehen und meinen Alltag zu organisieren. Da ich zum ersten Mal ausserhalb des Elternhauses lebte, fühlte ich mich sehr selbstständig, aber ich vernachlässigte meine Kurse nicht. Diese waren sehr lehrreich dank der Qualität des Unterrichts. Sie waren viel partizipativer als jene der Uni Lausanne. Unter anderem gab es diskussionsorientierte Seminare, für welche die Studenten viel Interesse zeigten.

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Erlebte Schwierigkeiten

Während der ersten Tagen fühlte ich mich sehr einsam, als mein Mitbewohner verreiste. Ich ging abends alleine aus, um Stadt und Leute kennenzulernen. Die Sprachbarriere hat sich sehr schnell bemerkbar gemacht. Diese Schwierigkeit hat mich während des ganzen Semesters begleitet. Ganz besonders an der Uni, wo es schwierig war, einen Freudeskreis aufzubauen und es seher anstrengend war, im Unterricht mitzukommen. Auch die Wohnsituation war nicht einfach, da der Wohnungsmarkt in Berlin gesättigt ist und meine zweite WG nicht meinen Vorstellungen entsprach. Ich verbrachte wenig Zeit mit meinen älteren Mitbewohnern und der Stadtteil hat mir nicht gefallen. Die Stadt hat mich manchmal bedrückt, weil sie so gross ist und es an jedem Tag der Woche eine unglaubliche Vielzahl an Aktivitäten gibt. Es scheint keinen typischen Wochenzyklus zu geben. Letztlich, gab es meiner Ansicht nach eine gewisse Oberflächlichkeit und eine Wiederholung in den Kontakten zwischen den Studenten von Erasmus. Wir hatten miteinander gemein, Ausländer zu sein. Von seinem Land und seiner Kultur zu sprechen waren allgegenwärtige Themen, was aber auf Kosten davon ging, sich wirklich besser kenenzulernen.

Die Rückkehr

Ich fand meine Erfahrung im Ganzen sehr gut gelungen, deswegen war meine Rückkehr in die Schweiz schwierig. Sie hat eine bestimmte Frust und eine Distanz verursacht, verbunden mit dem Gefühl, verloren zu sein. Diese Gefühle sind entstanden, weil ich während meines Austausches Freiheit genoss: Während einer kurzen Zeit stand mir alles offen. In Berlin war alles neu, was meinen Altag aufregender machte - zurück in Lausanne gab es all das nicht mehr. Es war deshalb schwierig, mich wieder an mein Leben in der Schweiz zu gewöhnen.

Tipps und Tricks

Ich empfehle, vor dem Semester Sprachkurse zu besuchen. Dort lernst du Leute kennen und kannst sprachliche Fortschritte machen. Es empfi elt sich, bei Einheimischen zu wohnen, auch wenn meine Erfahrung nicht nur positiv war. Wenn du sprachliche Fortschritte machen willst, solltest du deine Kontakte zu anderen Französischsprachigen begrenzen. Es lohnt sich, dass du dir Zeit nimmst, um deine Kurse an der Uni sorgfältig auszuwählen, sobald du angekommen bist. Es ist ratsam, an einigen Vorlesungen teilzunehmen, bevor du dich defi nitiv für die Kurse einschreibtst. Die FU liegt am Stadtrand. Es ist zwar praktisch, in der Nähe der Uni zu wohnen, aber so wirst du weniger vom Stadtund Ausgehszene profi tieren können. Ich habe eine Unterkunft in der Stadt gewählt, was sehr positiv war, wenn ich auch die Fahrten in Kauf nehmen musste. Berlin bietet so viele Aktivitäten und Partys, profi tiere davon! Da ist für jeden Geschmack etwas dabei, zu jeder Tages- und Nachtzeit! Die Stadt ist rieisg und einschüchternd. Ich habe die Stadt mit zu Fuss, der U-Bahn und vor allem mit dem Velo durchstreift. So konnte ich sie besser kennenlernen und habe mich langsam wie zu Hause gefühlt. Aber auch die zahlreichen Parks und Street-Art-Kunstwerke, die die Hauptstadt schmücken, wirst du entdecken. Schlendere dem Ufer der Spree, dem grössten Fluss der Stadt, und seinen vielen Kanälen entlang. Nutze die Gelegenheit, um zu reisen. Die geographische Situation der Hauptstadt hat mich dazu motiviert, nach Osteuropa und in einige Balkanstaaten zu reisen.

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Sechs Dinge, die man in Berlin nicht verpassen sollte:

  1. Zum Flohmarkt und zum Riesenkaraoke beim Mauerpark gehen
  2. Auf der Spree eine Kajaktour machen
  3. Den Teufelsberg im Westen der Stadt besuchen
  4. Mit dem Velo zum Treptoer Park fahren, um dort das kommunistische Denkmal zu sehen
  5. Eine Pause Yaam einlegen, wo im Hintergrund Reggae läuft